Februar 2012

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Lenin im Kiewer Underground
Wenn du willst, kann mit einem einzigen Jeton den ganzen Tag in der Kiewer Metro verbringen. Das klingt langweilig, ist es aber überhaupt nicht. Ein Netzt von rund 60 Kilometern mit knapp 50 Stationen steht dir zum Sightseeing zur Verfügung. Und nicht immer sind es nur dunkle Wände, die du mit Blick aus dem Fenster bewundern kannst. Ausserhalb der Stadtmitte gibt's auch Landschaft zu sehen. Und einsam ist es hier auch nicht. Auf den ganzen Tag genommen sind es über eine Million Menschen, die du fragen kannst, wo und wie du für hier oder dorthin umsteigen musst. Zum Beispiel, um die tiefste Metrostation der Welt zu besuchen: Arsenal'na. Fast fünf Minuten stehst du auf der Rolltreppe, bis du ganz unten bist. Aber nicht nur bautechnisch ist die Kiewer Metro etwas Besonderes. Auch architektonisch haben einzelne Stationen mit ihrer nachkriegsstalinistischen Architektur einiges zu bieten. Und in einer der Stationen wirst du Wladimir Iljitsch Uljanow begegnen, dem Führer der russischen Revolution. Seit 1991 ist die Ukraine von Russland unabhängig. Wie lange Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, noch im Kiewer Underground bleiben wird, weiss niemand.

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Die Quadriga, die aus dem Regen kam
In Tunesien war's, oder in Libyen. Oder in Algerien? Es liegt schon so weit zurück, dass ich mich nicht mehr erinnere! Vielleicht war's in Tipasa, denn es hatte seit Tagen geregnet. Genau wie in Tipasa, zwei Autostunden von Algier entfernt, von dem Camus schrieb: "Seit fünf Tagen regnete es unaufhörlich, sogar das Meer wurde nass." Seit Tagen keine Spur mehr von nordafrikanischer Sonne. Mit kraftvollem Getöse drängte sich der Sturmwind vom Atlantik zwischen den Herkulessäulen hindurch ins mediterrane Becken und füllte die Luft mit dem kraftvollen Schnauben der unbändigen Rosse einer vorbeistürmenden Quadriga. War es diese Metapher, die mich eine kleine Tonscherbe auf dem Boden wahrnehmen liess oder war es die Tonscherbe, die - wenn auch nur Bruchteile von Sekunden - schon vorher in mein Bewusstsein getreten war? Der Regen hatte den sandigen Boden durchgespült und die Sedimente alter Kulturen ans trübe Licht gebracht: eine Quadriga auf einer altrömischen Tonscherbe, so bruchstückhaft, dass von den vier Rossen sich nur noch zwei Köpfe zeigen. Doch immerhin sieben Vorderbeine sind zu sehen, das achte lässt sich erahnen…

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savoir vivre


Fällt das Aufstehen in der Frühe schon schwer, so hilft doch allein schon der Gedanke an etwas, das da kommen wird, das Bett mit weniger Widerstand oder gar mit Leichtigkeit zu verlassen. Nein, es ist nicht der Gedanke an den Duft des Kaffees, nicht die Freude auf die Morgenpost, auch nicht der verheissungsvolle Gang aufs Klo. Es ist allein der Gedanke an meine Kleine aus Marseille. Gross und schlüpfrig war sie einst, klein und griffig ist sie inzwischen geworden. Ihr Duft ist geblieben, der Duft nach Oliven - dumpf und kraftvoll und so ganz anders als die stechend-ätherischen, künstlichen Düfte synthetischer Produkte. Was ich sagen wollte: allein schon der Gedanke an dieses mediterrane Vergnügen des Duschens und Haare Waschens mit meiner originalen, klumpigen, grünen Savon de Marseille à l'huile d'olive - allein schon dieser Gedanke lässt mich das Klingeln des Weckers kaum erwarten. Mehr als fünfhundert Jahre Tradition stecken in dieser Seife - nicht etwa dauernde Weiterentwicklung, sondern dauerndes Bewahren. Und was ich auch noch sagen wollte: Wie froh bin ich, im Supermarkt bei der unübersehbaren Auswahl von hunderten von Seifen, Duschgels, Haarshampoos und allem Dazugehörigen sorglos vorbei schlendern zu können und mich auch nicht um die unlesbar klein gedruckte und schier endlose Liste der mir total unbekannten chemischen Ingredienzien kümmern muss. Und vor allem wollte ich noch sagen: bei den Joghurts, den Kaffeerahms, den Waschmitteln, den Suppen, den Birchermüesli, den… da ist es überall genau dasselbe. Ah, jetzt weiss ich wieder, was ich sagen wollte: Savoir vivre heisst nicht, eine möglichst grosse Auswahl zu haben. Savoir vivre heisst Besinnung auf das Eigentliche.

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Schwarze Löcher



Zu dumm, dass die Schildbürger noch keine Schwarzen Löcher kannten! Als sie vergeblich versuchten, mit Körben, Säcken, Pfannen und Schaufeln Licht ins fensterlose Rathaus zu tragen, hätte sie in ihre Körbe und Säcke ja bloss ein schwarzes Loch machen müssen, dann wäre das Licht drin geblieben.


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Der Moriskentanz (ital. Moresca, aus span. morisca) ist ein Tanz des Mittelalters und stammt ursprünglich aus Nordafrika. Dabei leitet sich das Wort Moriske von „maurisch“ ab. Morisken, auch Moriscos genannt (spanisch: morisco „maurisch“) sind Mauren, die nach dem Sieg der Reconquista in Spanien lebten.



Der Gegensatz könnte nicht grösser sein: die schwebende, heitere Leichtigkeit des Moriskentänzers mit seinem zarten Schattenspiel auf weisser Wand - daneben die abweisend mächtige Pforte mit gusseisernem Gitter und stählener Panzerschranktür. Zwar stand der eine Flügel offen, doch wurde meinem Eintreten von einem dunklen Anzug mit Krawatte unwiderruflich Einhalt geboten. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Tanzsaal im Alten Münchner Rathaus unbesucht zu lassen und nur von aussen dem unendlich traurigen Geschehen zu gedenken, die hinter dieser Tür in der Nacht vom neunten auf den zehnten Novemberr 1938 ihren Anfang genommen hatten, mit dem Aufruf der nationalsozialistischen Führung zur Vernichtung der Juden und des Judentums in ganz Deutschland.
Der Gegensatz könnte nicht grösser sein: der Kristall, strahlendes Sinnbild von Klarheit und natürlicher Gesetzmässigkeit als Name für jene Nacht dumpfer Gewalt, Brandschatzung und Mord: die Reichskristallnacht 1938.

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Schwarze Löcher sind die Tretminen des Weltalls. Kommen alte, herumtappende Sterne oder leichtsinnige Gaswolken einem Schwarzen Loch zu nahe - schwupp geht's ihnen an den Kragen. Zwar würde auch höchste Achtsamkeit nichts nützen, denn Schwarze Löcher sind unheilvoll unsichtbar. Weil das Unsichtbare und Verborgene so verlockend ist, sind auch Schwarze Löcher überaus anziehend, und zwar so sehr, dass ihnen selbst das Licht mit seinem Geschwindigkeits-Weltrekord von dreihunderttausend Kilometern pro Sekunde nicht entkommen kann. Es bleibt, so dringend gern es fliehen möchte, eingeschlossen wie Tannhäuser im Venusberg. So kann sich in einem einzigen Schwarzen Loch eine Masse ansammeln, die mehrere Milliarden grösser ist als die Masse unserer Sonne an einem schönen Sommertag. Wenn ein alter Stern der Attraktion eines Schwarzen Loches nicht mehr widerstehen kann, ihm zu nahe tritt und sich von ihm verschlingen lässt, erhitzt ihn das so ungeheuerlich, dass er, wie nie zuvor in seinem Leben zu wahrer Erleuchtung gelangt: Er beginnt zu strahlen, so hell wie ein Chor vieler Milliarden Sterne zusammen. Unter dem Künstlernamen Quasar ist er dann, konkurrierend mit andern steinalten Sternen, die sich als Supernovae vor dem Sterben den Sternguckern und andern Spannern vor dem Himmelszelt nochmals eine besondere Show bieten wollen, eines der beliebtesten Fotoobjekte im Weltall.

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Panzertür, Kristallnacht und Moriskentänzer


Gedenktafel beim Tanzsaal des Alten Rathauses in München.

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