|
Lenin im Kiewer Underground
Wenn du willst, kann mit einem einzigen Jeton den
ganzen Tag in der Kiewer Metro verbringen. Das klingt langweilig,
ist es aber überhaupt nicht. Ein Netzt von rund 60 Kilometern
mit knapp 50 Stationen steht dir zum Sightseeing zur Verfügung.
Und nicht immer sind es nur dunkle Wände, die du mit Blick
aus dem Fenster bewundern kannst. Ausserhalb der Stadtmitte gibt's
auch Landschaft zu sehen. Und einsam ist es hier auch nicht. Auf
den ganzen Tag genommen sind es über eine Million Menschen,
die du fragen kannst, wo und wie du für hier oder dorthin
umsteigen musst. Zum Beispiel, um die tiefste Metrostation der
Welt zu besuchen: Arsenal'na. Fast fünf Minuten stehst du
auf der Rolltreppe, bis du ganz unten bist. Aber nicht nur bautechnisch
ist die Kiewer Metro etwas Besonderes. Auch architektonisch haben
einzelne Stationen mit ihrer nachkriegsstalinistischen Architektur
einiges zu bieten. Und in einer der Stationen wirst du Wladimir
Iljitsch Uljanow begegnen, dem Führer der russischen Revolution.
Seit 1991 ist die Ukraine von Russland unabhängig. Wie lange
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, noch im Kiewer Underground
bleiben wird, weiss niemand.
|
|
Die
Quadriga, die aus dem Regen kam
In Tunesien war's, oder in Libyen.
Oder in Algerien? Es liegt schon so weit zurück, dass ich
mich nicht mehr erinnere! Vielleicht war's in Tipasa, denn es
hatte seit Tagen geregnet. Genau wie in Tipasa, zwei Autostunden
von Algier entfernt, von dem Camus schrieb: "Seit fünf
Tagen regnete es unaufhörlich, sogar das Meer wurde nass."
Seit Tagen keine Spur mehr von nordafrikanischer Sonne. Mit
kraftvollem Getöse drängte sich der Sturmwind vom
Atlantik zwischen den Herkulessäulen hindurch ins mediterrane
Becken und füllte die Luft mit dem kraftvollen Schnauben
der unbändigen Rosse einer vorbeistürmenden Quadriga.
War es diese Metapher, die mich eine kleine Tonscherbe auf dem
Boden wahrnehmen liess oder war es die Tonscherbe, die - wenn
auch nur Bruchteile von Sekunden - schon vorher in mein Bewusstsein
getreten war? Der Regen hatte den sandigen Boden durchgespült
und die Sedimente alter Kulturen ans trübe Licht gebracht:
eine Quadriga auf einer altrömischen Tonscherbe, so bruchstückhaft,
dass von den vier Rossen sich nur noch zwei Köpfe zeigen.
Doch immerhin sieben Vorderbeine sind zu sehen, das achte lässt
sich erahnen
|

Fällt das Aufstehen in
der Frühe schon schwer, so hilft doch allein schon der
Gedanke an etwas, das da kommen wird, das Bett mit weniger Widerstand
oder gar mit Leichtigkeit zu verlassen. Nein, es ist nicht der
Gedanke an den Duft des Kaffees, nicht die Freude auf die Morgenpost,
auch nicht der verheissungsvolle Gang aufs Klo. Es ist allein
der Gedanke an meine Kleine aus Marseille. Gross und schlüpfrig
war sie einst, klein und griffig ist sie inzwischen geworden.
Ihr Duft ist geblieben, der Duft nach Oliven - dumpf und kraftvoll
und so ganz anders als die stechend-ätherischen, künstlichen
Düfte synthetischer Produkte. Was ich sagen wollte: allein
schon der Gedanke an dieses mediterrane Vergnügen des Duschens
und Haare Waschens mit meiner originalen, klumpigen, grünen
Savon de Marseille à l'huile d'olive - allein schon dieser
Gedanke lässt mich das Klingeln des Weckers kaum erwarten.
Mehr als fünfhundert Jahre Tradition stecken in dieser
Seife - nicht etwa dauernde Weiterentwicklung, sondern dauerndes
Bewahren. Und was ich auch noch sagen wollte: Wie froh bin ich,
im Supermarkt bei der unübersehbaren Auswahl von hunderten
von Seifen, Duschgels, Haarshampoos und allem Dazugehörigen
sorglos vorbei schlendern zu können und mich auch nicht
um die unlesbar klein gedruckte und schier endlose Liste der
mir total unbekannten chemischen Ingredienzien kümmern
muss. Und vor allem wollte ich noch sagen: bei den Joghurts,
den Kaffeerahms, den Waschmitteln, den Suppen, den Birchermüesli,
den
da ist es überall genau dasselbe. Ah, jetzt weiss
ich wieder, was ich sagen wollte: Savoir vivre heisst nicht,
eine möglichst grosse Auswahl zu haben. Savoir vivre heisst
Besinnung auf das Eigentliche.
|
Schwarze
Löcher
Zu dumm, dass die Schildbürger
noch keine Schwarzen Löcher kannten! Als sie vergeblich
versuchten, mit Körben, Säcken, Pfannen und
Schaufeln Licht ins fensterlose Rathaus zu tragen, hätte
sie in ihre Körbe und Säcke ja bloss ein schwarzes
Loch machen müssen, dann wäre das Licht drin
geblieben.
|
Der Moriskentanz (ital. Moresca,
aus span. morisca) ist ein Tanz des Mittelalters und stammt ursprünglich
aus Nordafrika. Dabei leitet sich das Wort Moriske von maurisch
ab. Morisken, auch Moriscos genannt (spanisch: morisco maurisch)
sind Mauren, die nach dem Sieg der Reconquista in Spanien lebten.

Der
Gegensatz könnte nicht grösser sein: die schwebende,
heitere Leichtigkeit des Moriskentänzers mit seinem zarten
Schattenspiel auf weisser Wand - daneben die abweisend mächtige
Pforte mit gusseisernem Gitter und stählener Panzerschranktür.
Zwar stand der eine Flügel offen, doch wurde meinem Eintreten
von einem dunklen Anzug mit Krawatte unwiderruflich Einhalt geboten.
So blieb mir nichts anderes übrig, als den Tanzsaal im Alten
Münchner Rathaus unbesucht zu lassen und nur von aussen dem
unendlich traurigen Geschehen zu gedenken, die hinter dieser Tür
in der Nacht vom neunten auf den zehnten Novemberr 1938 ihren
Anfang genommen hatten, mit dem Aufruf der nationalsozialistischen
Führung zur Vernichtung der Juden und des Judentums in ganz
Deutschland.
Der
Gegensatz könnte nicht grösser sein: der Kristall, strahlendes
Sinnbild von Klarheit und natürlicher Gesetzmässigkeit
als Name für jene Nacht dumpfer Gewalt, Brandschatzung und
Mord: die Reichskristallnacht 1938.
|

Schwarze Löcher
sind die Tretminen des Weltalls. Kommen alte, herumtappende Sterne
oder leichtsinnige Gaswolken einem Schwarzen Loch zu nahe - schwupp
geht's ihnen an den Kragen. Zwar würde auch höchste
Achtsamkeit nichts nützen, denn Schwarze Löcher sind
unheilvoll unsichtbar. Weil das Unsichtbare und Verborgene so
verlockend ist, sind auch Schwarze Löcher überaus anziehend,
und zwar so sehr, dass ihnen selbst das Licht mit seinem Geschwindigkeits-Weltrekord
von dreihunderttausend Kilometern pro Sekunde nicht entkommen
kann. Es bleibt, so dringend gern es fliehen möchte, eingeschlossen
wie Tannhäuser im Venusberg. So kann sich in einem einzigen
Schwarzen Loch eine Masse ansammeln, die mehrere Milliarden grösser
ist als die Masse unserer Sonne an einem schönen Sommertag.
Wenn ein alter Stern der Attraktion eines Schwarzen Loches nicht
mehr widerstehen kann, ihm zu nahe tritt und sich von ihm verschlingen
lässt, erhitzt ihn das so ungeheuerlich, dass er, wie nie
zuvor in seinem Leben zu wahrer Erleuchtung gelangt: Er beginnt
zu strahlen, so hell wie ein Chor vieler Milliarden Sterne zusammen.
Unter dem Künstlernamen Quasar ist er dann, konkurrierend
mit andern steinalten Sternen, die sich als Supernovae vor dem
Sterben den Sternguckern und andern Spannern vor dem Himmelszelt
nochmals eine besondere Show bieten wollen, eines der beliebtesten
Fotoobjekte im Weltall.
Panzertür,
Kristallnacht und Moriskentänzer

Gedenktafel beim Tanzsaal des Alten
Rathauses in München.
|
Hier geht's zum Klappentext-Archiv:
|
|